Die Gefährten von Esgaroth

Die Glocke im Sumpf
im Frühling 2946

Liebe Tante Robin!
Da mich Gevatter Fredegar drängt, meinen lieben Anverwandten Mitteilung zu machen, greife ich abermals zur Feder. Hast du das letzte halbe Dutzend meiner getreulich verfassten Briefe etwa nicht erhalten? Die Post hier im Wilderland ist aber auch sehr unzuverlässig!
Um es jedoch gleich zu gestehen: Meine Schatzsuche hat sich abermals etwas verzögert. Gewiss würde ich schon mit unermesslichen Reichtümern zurück in unserer guten Stube sein, allein es galt, einer Queste von hoher Dringlichkeitkeit den Vorrang zu geben. Du wirst es wohl kaum glauben, aber kein Geringerer als der berühmte Zwergenbotschafter Glóin (ein Freund deines lieben Schwibschwagers Bilbo) bat Fredegar und mich regelrecht verzweifelt um einen Gefallen. Stell dir vor: Sein Bruder Óin und sein Freund Balin waren auf einer Reise zum König der Adler ohne Nachricht verschollen. Du musst nämlich wissen, dass eine Reise hier im Wilderland noch viel gefährlicher ist, als etwa von Hobbingen nach Bree!
Jedenfalls nahmen Fredegar und ich uns der Sache an. Uns zur Seite standen außerdem Skuggi, ein Zwerg aus Erebor und Anduin, der von den Menschen des Waldes abstammt – recht zugeknöpfte Gesellen, aber durchaus zuverlässig, wie sich zeigen sollte.
Wir folgten also den Spuren Balins und Óins den mächtigen Eilend hinab und fanden zunächst nur wenige Hinweise auf ihr Schicksal. Eine kleine Gesellschaft von Elben schien ihnen begegnet zu sein, erwies sich jedoch als reichlich unleidlich uns gegenüber, trotzdem wir ihnen äußerst großzügigerweise die nicht zu verachtenden Überreste unseres Elf-Uhr-Tees anboten.
Nach etlichen Tagen erreichten wir endlich eine lang verlassene und halb überschwemmte Ruinenstadt abseits des Weges. Die Gesuchten waren zweifelsohne hier gewesen, denn davon zeugten Teile ihrer Habe und ein Lager. Doch das einzige Lebewesen, dessen wir ansichtig wurden, war ein gar übel gestimmter Steintroll, der uns ohne Verzug nach dem Leben trachtete! Beinahe hätte ich mich gezwungen gesehen, dem Ungeheuer einen beherzten Stich mit dem Kurzschwert zu versetzen, doch Skuggi und Anduin kamen ihm zum Glück recht schnell bei.
So behände unsere beiden Gefährten mit ihren Waffen sind, so schwer taten sie sich allerdings mit der zugegebenermaßen doch recht bedrückenden Stimmung jenes düsteren Ortes. Waren sie zuerst nur ein wenig aus der Fassung, so schlug der unheilvolle Klang einer nahen Glocke sie mit einem Male vollends in seinen Bann! Du magst dir unsere Überraschung vorstellen, als Anduin und Skuggi unversehens in eine Art Schlafwandel fielen und auf einen tiefen See zustrebten! Den Waldläufer konnten wir zwar noch aufhalten, doch der Zwerg verschwand zu unserem Grauen geradewegs in den stummen Wassern!
Erschrick nicht, liebe Tante Robin, aber da wir unseren Gefährten doch nicht im Stich lassen konnten, tauchten wir vom Boot aus in den unheimlichen See hinab. Tatsächlich fanden wir unter Wasser den Zugang zu einem alten Gewölbe und trafen ebendort den besinnungslosen Skuggi an. Zum Glück fehlte ihm nichts weiter, allein sein gerechter Zorn war entbrannt gegen die Glocke, die ihm diesen üblen Streich gespielt hatte.
War es möglich, dass Óin und Balin das gleiche Schicksal erlitten hatten? Mochten sie wohl noch am Leben sein? Bang machten wir uns auf die Suche, stießen jedoch zunächst nur auf zwei äußerst unleidliche Sumpflinge, denen wir mit der Klinge ein wenig gutes Benehmen beibringen mussten. Erst im letzten Winkel des Kellers fanden wir die Gesuchten erschöpft doch wohlauf an.
Ein rascher Kriegsrat befand einmütig: Die unheilvolle Glocke muss zerstört werden! So kämpften wir uns gemeinsam durch Scharen von weiteren Sumpflingen, bis wir in einem hohen Turmgeschoss der Quelle des Übels ansichtig wurden. Mit einem kräftigen Hau-Ruck und einem munteren Poltern beförderten wir die böse Glocke auf den Grund des Sees, wo sie wohl heute noch liegen mag und keinen Schaden mehr anrichtet.
Recht beschwerlich war zwar auch die Rückreise, doch ach wie froh war Glóin, seine lieben Gevattern und uns unversehrt zu sehen! Hätte ich einen vertrauenswürdigen Boten gefunden, läge diesem Brief gewisslich das hübscheste Kleinod bei, das mir der Zwergenbotschafter zum Dank verehrte, doch ach – nun muss ich die guten Stücke noch eine Weile aufbewahren, bis ich zurückkehre!

Herzlichst, Dein ergebener Neffe

Quirin

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