Die Gefährten von Esgaroth

Schatten über Beorns Haus
im Frühling 2947

Liebe Tante Robin!
Hab Dank für den Brief, den du mir an das Östliche Gasthaus geschickt hast! Fredegar und mir geht es gut, nur hatte uns der plötzliche Wintereinbruch leider derart überrascht, dass wir nicht ins Auenland heimkehren konnten.

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Halbgarer Hobbit
im Herbst 2946

Liebe Tante Robin!
Denk dir, endlich haben wir einmal Hobbitvolk getroffen, und deine Urgroßbase Agatha lässt recht herzlich grüßen! Wir sind nämlich in ihrem reizenden Gasthaus eingekehrt, das sich selbst als östlichsten Vorposten des Auenlandes rühmt. Stell dir da bloß unsere Verlegenheit vor, als wir feststellen mussten, dass die dargereichte Kost doch erheblich hinter unserem gewiss nicht verwöhnten Anspruch zurück blieb. Doch rasch war die Erklärung gefunden: Dinodas, der erprobte Koch des Hauses, hätte schon vor Tagen von einer Besorgungsfahrt aus Bree wiederkommen sollen, blieb jedoch spurlos verschwunden!
Ehrensache, dass wir uns dieses alarmierenden Falles annahmen, allein schon, um die Güte der Küche wiederherzustellen! Sogar zwei Stammgäste des Hauses erklärten sich zur Hilfe bereit – Listhar von Thal und Beran aus dem Volk der Beorninger. Gemeinsam zogen wir anderntags Richtung Bree und hielten nach Dindy Ausschau.
Die erste Spur, die wir fanden, war jedoch wenig beruhigend: Ein totes Pony, von Orkpfeilen grausam verwundet und auf der Flucht verendet, ließ uns Schlimmes ahnen. Und wirklich: In der ganzen Gegend trieben Orks ihr Unwesen; mehr als je zuvor, wie uns Beran versicherte. Nachdem wir des Nachts ihren ersten halbherzigen Überfall abwehren konnten, zogen wir uns am nächsten Tag in die Ruinen einer alten Hügelburg zurück, wo wir bereits Verstärkung vorfanden: Ein rauer Geselle namens Iwgar nebst einigen Jungspunden aus Bree. Sogar Kunde von Dindy besaßen sie, mussten aber zugeben, ihn an räuberische Orks verloren zu haben.
Mit der Nacht kam denn auch der Feind, doch wir stellten uns den schurkischen Angreifern mit ungebrochenem Mut. Beran allein Hieb mit seiner Axt ein gutes Halbdutzend nieder und Fredegars Kurzschwert badete in faulem Blut, während Listhars Bogen das Kriegslied dazu sang.
am nächsten Morgen konnte uns nichts mehr halten. Rache für Dindy und einen Karren voll Delikatessen! In grimmiger Stimmung verfolgten wir die Spuren der flüchtigen Orks bis zu ihren Höhlen. Fast hätten wir uns in den verzweigten Schächten für immer verirrt, doch endlich fanden wir eine Art Küche und Dindy daselbst! Der Bedauernswerte war von seinen Kerkermeistern tagelang zum Töftenschälen gezwungen worden und am Ende seiner Kräfte! Rasch machte ich mich daran, seine Ketten zu lösen, doch schon nahten die üblen Orkbanditen. Gerade noch konnte Fredegar sie mit einer gewitzten Rede verwirren, doch dann blieb uns nur noch die rasche Flucht.
An einer Engstelle wandten wir uns schließlich zum letzten Gefecht. Liebe Tante, ich will gar nicht verschweigen, dass wir etliche Blessuren davontrugen, doch den Orks ging es noch um einges schlechter! Endlich floh das feige Pack, nachdem sein Anführer, ein Grobian namens Ubhurz, mit einem Pfeil in der Kehle gefallen war und der wackere Dindy einen seiner Peiniger mit der gusseisernen Bratpfanne niedergeschlagen hatte. Das soll ihnen wohl eine Lehre sein, sich mit rechtschaffenem Hobbitvolk anzulegen!
Zum Dank für die Rettung überließ mir Dinodas später sein Rezept für Blesshühner mit Kastanienfüllung, welches ich hier in Abschrift beilege. Es grüßt dich wie stets

Dein ergebener Neffe

Quirin

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Weicht nicht vom Weg
im Sommer 2946

Liebe Tante Robin!
Es ist wirklich nicht zu glauben, wie ich ständig von meiner Schatzsuche abgehalten werde! Zuletzt ging ich einer Spur auf dem alten Trümmerfeld außerhalb der Seestadt nach. Doch kaum hatten Vetter Fredegar ich mit der Suche begonnen, da stieß ein völlig verängstigter Junge zu uns, verfolgt von einem recht verwegenen Gesellen, der ihm wohl ein Leides tun wollte. Gut, dass wir unseren wackeren Freund Anduin dabei hatten, denn gemeinsam wiesen wir den Störenfried rasch in seine Schranken. Auch seine Spießgesellen vertrieben wir alsbald und retteten so Baldor, den Vater des jungen Brego, der sich auf einen Baum geflüchtet hatte.
Liebe Tante, man merkte gleich, dass es dem Mann an gesundem Hobbitverstand fehlte, denn er selbst hatte jene Lumpen als Begleitschutz angeworben! Mit seinem Karren voller Waren wollte er eine die Straße durch den Düsterwald befahren und Handel treiben. Es liegt auf der Hand, dass wir einen so unbedarften Zeitgenossen nicht schutzlos weiterziehen lassen konnten!
Gemeinsam zogen wir also weiter bis zu den Hallen des Elbenkönigs. Wer hätte gedacht, dass so ein kriegerisches Volk doch ganz passable und gemütliche Höhlen bewohnt? Dank des guten Leumunds unseres neuen Freundes Baldor fanden wir recht gastliche Aufnahme, auch wenn die werten Elben anscheinend immer noch ein wenig schlecht auf deinen Schwibschwager Bilbo zu sprechen sind. Dessen ungeachtet erklärte sich einer von ihnen namens Tharandir bereit, uns als Späher durch den Düsterwald zu geleiten.
So brachen wir denn des nächsten Tages auf mit der eindringlichen Warnung im Ohr, ja nicht vom Wege abzuweichen! Und in der Tat zeigte sich der dichte und drohende Wald wenig einladend zu einem Spaziergang oder einem Abstecher in die Pilze – mal versperrten uns riesenhafte Spinnennetze den Weg, mal machte übel stinkender Schlamm das Vorankommen schwer.
Selbstverständlich wären wir nie auch nur einen Fuß breit vom Wege abgewichen – wäre nicht eines Nachts Baldor plötzlich verschwunden! Du kannst dir gewiss unsere Bestürzung vorstellen, als wir seinen Spuren bis zu einer Burgruine folgten, die über und über mit garstigen Spinnweben bedeckt war! Kein Zweifel: Hinter den öden Mauern lauerten schon mörderische Riesenspinnen darauf, dass wir ihnen in die Falle gingen.
Doch Fredegar war nicht von einem Rettungsversuch abzubringen, und so schlichen wir uns behutsam an die Festung heran, während Tharandir und Anduin Wache hielten. Tatsächlich fanden wir den armen Baldor in Spinnweben gefangen und wären um ein Haar selbst überwältigt worden, hätten unsere Gefährten nicht rasch ein Feuer gelegt, um die Spinnenbrut abzulenken. Die achtbeinigen Verfolger dicht auf den Fersen, eilten wir in den Wald, wo uns unerwartet Hilfe zuteil wurde: Ein geheimnisvoller Wildhüter gab uns mit seinem tödlichen Langbogen Deckung und geleitete uns hernach in seinen Unterschlupf.
Wie bedrückt es mich zu berichten, dass unser Retter scheinbar nicht ganz richtig im Kopfe war! Erst wollte er uns übel riechendes Trinkwasser aufdrängen und geriet dann ob unserer Weigerung derart in Harnisch, dass wir uns genötigt sahen, seine Behausung fluchtartig zu verlassen. Mit dem Düsterwald ist es wohl so eine Sache, denn der nächste, der den Kopf verlor, war der arme Brego: Wie verhext eilte der Junge quer durchs Dickicht zu einem alten Brunnen. Doch nicht genug: Unversehens entstieg ein grausiges Wesen mit riesigen Fangarmen dem dunklen Schacht! Nur mit vereinten Kräften gelang es uns, das Kind diesem Ungeheuer zu entreißen und endlich unseren Karren am Wegesrand wieder zu erreichen. Nun hätte wohl alles gut sein können, doch jener finstere Wildhüter hatte beschlossen, uns zu verfolgen, und wollte uns gar ans Leben. Aus sicherer Deckung redeten Fredegar und ich ihm gut zu, doch Tharandirs Pfeil war schneller als unsere Worte und der unheimliche Kauz im Halse getroffen tot.
Ein recht trauriges Ende meines kleinen Schauermärchens, wirst du nun wohl denken, doch wenigstens konnten wir mit Hilfe der Elben unseren Weg schließlich in Richtung der Beorningischen Lande fortsetzen, von wo ich dir justament schreibe.

Herzlichst, Dein ergebener Neffe

Quirin

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Die Glocke im Sumpf
im Frühling 2946

Liebe Tante Robin!
Da mich Gevatter Fredegar drängt, meinen lieben Anverwandten Mitteilung zu machen, greife ich abermals zur Feder. Hast du das letzte halbe Dutzend meiner getreulich verfassten Briefe etwa nicht erhalten? Die Post hier im Wilderland ist aber auch sehr unzuverlässig!
Um es jedoch gleich zu gestehen: Meine Schatzsuche hat sich abermals etwas verzögert. Gewiss würde ich schon mit unermesslichen Reichtümern zurück in unserer guten Stube sein, allein es galt, einer Queste von hoher Dringlichkeitkeit den Vorrang zu geben. Du wirst es wohl kaum glauben, aber kein Geringerer als der berühmte Zwergenbotschafter Glóin (ein Freund deines lieben Schwibschwagers Bilbo) bat Fredegar und mich regelrecht verzweifelt um einen Gefallen. Stell dir vor: Sein Bruder Óin und sein Freund Balin waren auf einer Reise zum König der Adler ohne Nachricht verschollen. Du musst nämlich wissen, dass eine Reise hier im Wilderland noch viel gefährlicher ist, als etwa von Hobbingen nach Bree!
Jedenfalls nahmen Fredegar und ich uns der Sache an. Uns zur Seite standen außerdem Skuggi, ein Zwerg aus Erebor und Anduin, der von den Menschen des Waldes abstammt – recht zugeknöpfte Gesellen, aber durchaus zuverlässig, wie sich zeigen sollte.
Wir folgten also den Spuren Balins und Óins den mächtigen Eilend hinab und fanden zunächst nur wenige Hinweise auf ihr Schicksal. Eine kleine Gesellschaft von Elben schien ihnen begegnet zu sein, erwies sich jedoch als reichlich unleidlich uns gegenüber, trotzdem wir ihnen äußerst großzügigerweise die nicht zu verachtenden Überreste unseres Elf-Uhr-Tees anboten.
Nach etlichen Tagen erreichten wir endlich eine lang verlassene und halb überschwemmte Ruinenstadt abseits des Weges. Die Gesuchten waren zweifelsohne hier gewesen, denn davon zeugten Teile ihrer Habe und ein Lager. Doch das einzige Lebewesen, dessen wir ansichtig wurden, war ein gar übel gestimmter Steintroll, der uns ohne Verzug nach dem Leben trachtete! Beinahe hätte ich mich gezwungen gesehen, dem Ungeheuer einen beherzten Stich mit dem Kurzschwert zu versetzen, doch Skuggi und Anduin kamen ihm zum Glück recht schnell bei.
So behände unsere beiden Gefährten mit ihren Waffen sind, so schwer taten sie sich allerdings mit der zugegebenermaßen doch recht bedrückenden Stimmung jenes düsteren Ortes. Waren sie zuerst nur ein wenig aus der Fassung, so schlug der unheilvolle Klang einer nahen Glocke sie mit einem Male vollends in seinen Bann! Du magst dir unsere Überraschung vorstellen, als Anduin und Skuggi unversehens in eine Art Schlafwandel fielen und auf einen tiefen See zustrebten! Den Waldläufer konnten wir zwar noch aufhalten, doch der Zwerg verschwand zu unserem Grauen geradewegs in den stummen Wassern!
Erschrick nicht, liebe Tante Robin, aber da wir unseren Gefährten doch nicht im Stich lassen konnten, tauchten wir vom Boot aus in den unheimlichen See hinab. Tatsächlich fanden wir unter Wasser den Zugang zu einem alten Gewölbe und trafen ebendort den besinnungslosen Skuggi an. Zum Glück fehlte ihm nichts weiter, allein sein gerechter Zorn war entbrannt gegen die Glocke, die ihm diesen üblen Streich gespielt hatte.
War es möglich, dass Óin und Balin das gleiche Schicksal erlitten hatten? Mochten sie wohl noch am Leben sein? Bang machten wir uns auf die Suche, stießen jedoch zunächst nur auf zwei äußerst unleidliche Sumpflinge, denen wir mit der Klinge ein wenig gutes Benehmen beibringen mussten. Erst im letzten Winkel des Kellers fanden wir die Gesuchten erschöpft doch wohlauf an.
Ein rascher Kriegsrat befand einmütig: Die unheilvolle Glocke muss zerstört werden! So kämpften wir uns gemeinsam durch Scharen von weiteren Sumpflingen, bis wir in einem hohen Turmgeschoss der Quelle des Übels ansichtig wurden. Mit einem kräftigen Hau-Ruck und einem munteren Poltern beförderten wir die böse Glocke auf den Grund des Sees, wo sie wohl heute noch liegen mag und keinen Schaden mehr anrichtet.
Recht beschwerlich war zwar auch die Rückreise, doch ach wie froh war Glóin, seine lieben Gevattern und uns unversehrt zu sehen! Hätte ich einen vertrauenswürdigen Boten gefunden, läge diesem Brief gewisslich das hübscheste Kleinod bei, das mir der Zwergenbotschafter zum Dank verehrte, doch ach – nun muss ich die guten Stücke noch eine Weile aufbewahren, bis ich zurückkehre!

Herzlichst, Dein ergebener Neffe

Quirin

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